Terra Incognita

Schlaf ruhig

Die Herren in Weiß kehrten den Wachen, oder was sie dafür hielten, erneut den Rücken zu und Amir? Nun, ein kurzer Griff und er nahm eine der Abhandlungen zur Hand die auf der Theke lag. Er überflog kurz das Papier es war klar, zumindest im Ansatz, was eigentlich vor sich geht. Eine Frage war damit jedenfalls geklärt: Ja, die Situation schien so vertrackt und auch schwerwiegend wie man womöglich erahnt hatte, denn wie jedes Wunder und was man dafür halten mag, so forderte auch der Aether einen Preis. Oder, wie man auch sagen mag, ein geeignetes Klima. Der Natur dieses rätselhaften Materials jedenfalls, ist man etwas mehr auf die Schliche gekommen und auch war das Ende des sich schließenden Kreises in Sicht, denn die Funktion dieser Laborstätte schien damit erhellt worden zu sein. Der Aether wird auf der Insel nicht nur gefördert und erforscht, er wird auch künstlich von Menschenhand wachgehalten damit seine übernatürlichen Fähigkeiten in Erscheinung treten. So wünschenswert dies für all jene sein mag die vom Aether profitieren, jenen die auf der Insel gefangenen sind kann dies nur eine unnötige Gefahr für Leib und Seele sein und so war der Entschluss gefasst, die Laborstätte dem Erdboden gleich zumachen. Problem erkannt, Problem gebannt – doch wie Frage nach dem Wie? bereitete gewisse Schwierigkeiten, denn ohne Frage war, dass ihnen eine schiere Überzahl entgegenstand. Die traditionelle Methode, sich mit Gewalt durchzuschlagen war keine Option, zumindest keine mit Chance zu Überleben.

Drum erkundete man die Laborstätte weiter, stieß auf einen Hangar und eine Art Ofen. Doch wo man kochende Hitze hätte vermutet wehte ihnen ein eisiger Windzug ins Gesicht. Eine Eiseskälte überkam sie je näher sie sich dem Ofen näherten, man mag sagen, dem Eisofen. Der Quell der Probleme, zumindest dieser Probleme, war erkannt doch wie zu lösen? Man schlitterte weiter durch die Laborstätte, drehte Runden und als sie in einen der Hauptgänge traten war ein geradezu penetrantes Quitschen und Klicken zu hören. Ein Augenblick später war es klar, dass die defekte Tür unlängst weiteres Personal auf die Tagesordnung rief. Nach höflichen Bitten zeigten sich die angehenden Saboteure bereit die defekte Tür – wer macht bloß so etwas? – aufzubrechen, sodass zumindest die Wachablösung auf ihren Posten kam. Verwunderung, warum der Vorgänger nicht auf seinem Posten sei! Tja, wer weiß’s schon. Nachdem man erneut, fast schon hoffnungslos in das Labor trat kam eine Idee auf! Alchemische Zutaten sind zuhauf vorhanden, ein Alchemist gleichermaßen und, nun, Verwirrung und Chaos auf Wunsch war damit in Flaschen abfüllbar geworden. Die Zutaten waren vermischt und binnen weniger Sekunden füllte sich der Raum mit einem dichten Schleier aus Nebel, dass man kaum die Hand vor Augen sah. Panisch rannten die ersten aus der Anlage ins Freie und als die Gruppe nun auch zum Eisofen trat breite der Dunst sich immer weiter aus, unwissend was geschah begann das Personal sich daran zu machen die Anlage herunterzufahren, Ventile, Hebel, Hebel, Schalter wurden gezogen, gedreht, betätigt in größter Eile und die Saboteure? Nun, sie halfen natürlich – bloß mit gegenteiliger Absicht. Sie ahmten die Angestellten in größer Perfektion nach, taten stets das Gegenteil dessen was sie sahen um ja diesen Hochofen unter Druck zu halten und in die Luft zu jagen. Die Rechnung ging auf und als noch ein Sprengsatz – sicher ist sicher! – in eine der offenen Luken flog sah man wie die Eisenwände sich verformten, nach außen drückten. Weiteres sah die Gruppe nicht, denn man hatte längst die Beine in die Hand genommen und hörte noch einen lauten Knall, die Anlage und der Berg schienen zu beben und ein eisiger Windzug unvorstellbarer Kälte kam über sie, gefror ihnen den Atem und belegte sie mit einem weißen Schleier. Doch nicht nur damit, eine dickflüssige Substanz flog durch den Raum und streifte manch einen der Flüchtlinge am Rücken.

Auf dem Hof brach Chaos, pure Anarchie aus. Das Tor zur inneren Absperrung wurde geöffnet und mit einem mal strömten die Gefangenen zu hunderten gen Ausgang, der Berg noch immer zitternd, stoßweise strömten neue Windstöße aus Kälte hinaus, verwandelten die Landschaft um den Eingang in eine Eislandschaft. Schüsse fielen, das Wachpersonal schlug auf die Flüchtlinge ein, feuerte blindwegs in die Menge doch diese rannten blind vor Angst und Panik doch zerfetzten die Wachen gleichermaßen blind vor Wut. Erneut ein lauter Knall, doch diesmal nahe am Eingangstor. Eine Mine oder Bombe explodierte inmitten einer Schar Flüchtlinge, zerfetzte ihre Leiber und warmes Blut regnete auf die Nahestehenden herab. Amir seinerseits sah in all dem Getümmel wie sich die Wachen eiligst versuchten die Uniformen vom Leib zu ziehen um nicht dem rasenden Mob in die Hände zu fallen, doch bemerkte er, wie eine rote Mähne unter einer der Uniformen herauslogte: seine Schwester. Einer der Gefangenen stürmte auf sie zu, schlug auf sie ein und kein Wort der Mahnung wusste seine Rage zu stoppen bis Amir ihm mit einem festen Hieb zu besänftigen wusste. Er packte seine Schwester und gemeinsam floh man gen Wald, zurück zu jenen welche Ruhe über alles zu schätzen wussten.

Dort erwartete man sie bereits – oder zumindest jemanden, denn das Beben erschütterte die gesamte Insel. Wenige Erklärungen später kehrte Entspannung ein und Aika trat an sie heran. Lächelte, nickte, und sprach, zwei oder gar drei Sätze mögen es gewesen sein, Dankbarkeit kaum zum Ausdruck denn sein Volk, so wurde klar, hatte die alte Heimat, die Insel, nie verlassen doch schlief. Mit dem Schlaf des Aethers stand ihr Erwachen wohl kurz bevor. Man ruhte sich aus, nächtige im Vorhaben am nächsten Tag erneut gen Nordlager und zu schauen was es zu plündern gab, nun da der Aether scheinbar erst einmal gebannt war, wenn er es denn war. Als Baran seinerseits wach wurde, sich erhob, wurde er scheinbar unlängst erwartet. Ein Lächeln begrüßte ihn, ein Handwink deutete ihn und ein stummer oder geduldiger Führer bat ihn unverkennbar ihm zu folgen. Baran, das Bier noch in der Hand, bemerkte schnell, dass der eine Krug für die Reise nicht ausreichen würde. Sie traten durch den Wald, ließen diesen hinter sich, durchquerten bei brennender Sonne die weite Ebene und traten ans Meer. Aika deutete immerzu weiter zu gehen, zu schwimmen, ihm den offenen See zu folgen und Baran, sichtlich unschlüssig, tat wie ihm geheißt. Immer noch dieses Lächeln, als wäre es eingeritzt. Eine rasche Bewegung, Wasser spritzte Baran ins Gesicht und zwei kräfte Arme drückten ihn unter die Wasseroberfläche, er begann zu paddeln, zu schlagen, sich hochzudrücken und wenige Sekunden später atmete er erneut. Lächeln. Schon wieder! Aika zuckte mit den Schultern, lächelte und führte sie beide erneut zurück ins Lager. Was auch immer dort in der See passiert sein mag, Baran fühlte sich wohl – so wohl wie er sich schon lange nicht mehr fühlte, als wäre eine schwere Bürde von ihm genommen.

Das Nordlager war die ausgestorben als sie ankamen. Eis lag am Fuße des Berges, ansonsten herrschte eine Totenstille. Man durchsuchte die Häuser, brach Kisten auf und trug zusammen was man zu packen bekam. Gerade wollte man sich mit dem Karren und Pferden gen Süden ziehen erblickten sie ein bekanntes Gesicht. Weißer Kittel, fahle Haut, mehr Glatze als Haar. Einer der Angestellten stand dort, blickte sie ihn. Wie der untrügliche Test schnell bewies handelte es sich doch nicht um einen Mensch. Der Schwertstrich durchzog die Luft und wie eine Wolke löste sich die Täuschug auf, tauchte an anderer Stelle auf und gerade, da man sich an den Spuk gewöhnte, trat die Gestalt vor Baran, doch diesmal blieb die Klinge stecken und ein schwerer Hieb folgte. Der Aether hatte ihn gänzlich verschlungen. Der Kampf dauerte nicht lange, wenige Sekunden, doch auch wenn die Reisenden ohne größere Wunden den Kampf überstanden, eines der Pferde wurde gleichsam infiziert und von Amir zu Ruhe gebettet. Solch eine Bestie mit der Kraft eines Pferdes? Unangenehm.

Das Südlager kam in Sichtweite, umzingelt geradezu von Flüchtlingen aus dem Norden. Ihm wurde der Einlass verwehrt und auch die Reisnden mussten Überzeugungsarbeit leisten um eingelassen zu werden, denn offenkundig wollte man derartig viele Mäuler nicht stopfen und konnte es nicht. Drakbron wurde, kaum da man ihn sah, jedenfalls schnell überzeugt diesen Unsinn zu beenden und die Tore für alle zu öffnen – Zaid nämlich hatte das Lager zusammen mit einigen waffenfähigen Männern verlassen und die Leitung des Lagers oblag nun demjenigen der diese Arbeit auf sich nehmen mag. Die derzeitige Herring des Hauses hörte auf den Namen Skadi und natürlich Kyra, wohl bekannt. Man kam ins Gespräch und es zeigte sich schnell, dass Zaid, wenn oder vielleicht auch gerade wegen seine Härte eine notwendige Rolle besaß, welche weder Skadi noch Kyra zu füllen wissen. Die Ordnung muss aufrechtgehalten werden und die Verteidigung des Lagers organisiert, gegen das Lager im Osten, gegen Banditen und womöglich auch gegen die Wachen. Die Sabotage im Nordlager wird wohl nicht ohne Folgen bleiben. Die Gruppe wurde dazu ernannt diese Lücke auszufüllen und während Zaids Abwesendheit diesen zu ersetzen. Kyra und Skadi werden gemäß ihrer Fähigkeiten helfen, doch die Logistik, Verteidigung und Planung des weiteren Vorgehens sollte durch die Gruppe und in Absprache geschehen. Man würde wohl erst einmal hier verweilen.

Krega, nun da der Aether schlafen sollte, wollte dies zuvor noch erst einmal bestätigen. Zusammen mit Skadi begab er sich in die Mine im Südlager und begann Erprobungen und Erforschungen durchzuführen um die bisherigen Vermutungen zu bestätigen. Die Mine, obwohl sie nicht zu tief in den Berg reichte, gab jedoch Anlass zu einer bisher wohl nie gesehenen Tat. Die Frage kam auf wie breit denn wohl die Klippen sei, ob es möglich sei ein Loch zu sprengen oder zu graben um auf der anderen Seite ans Meer zu gelangen. Doch wie breit mochten die Berghänge wohl sein? Eine klare Antwort darauf gab es wohl nur eine, man müsste nachschauen. Sehr naheliegend, mag man denken, doch war bisher nie jemand mutig – oder wahnsinnig genug! – den Aufstieg überhaupt in Erwägung zu ziehen. Ein Blick nach oben verriet, dass der Aufstieg wohl mindestens an die 120 Meter hoch sei – 120 Meter bieten viel Raum um tödlich zu zu verenden. Baran, allerdings, tat es. Er fertigte sich, eher schlecht als recht, Handgriffe um den Aufstieg zu sichern und kletterte unter tosenden Gejubel der Menge hinauf. Schritt für Schritt. Meter für Meter, einhundertzwangzig Meter empor. Auf halber Strecke bemerkte er unlängst wie die Kraft nachließ doch zog er sich weiter hinauf, die Menschen unten konnte er kaum noch erkennen geschweige denn, wollte er hinunter schauen. Und, das, woran niemand glaubten mochte geschah – er kam oben an. Lebendig! Ein Wunder, dass es noch niemand zuvor probierte, mag er sich gedacht haben. Er roch die frische Seeluft, blickte über die Insel und ein kurzer Blick und er fand die Antwort auf seine Frage, den Grund weshalb er aufstieg.

Allerings tat sich ein neues Rästel auf, denn eigenartige Apparaturen schienen oben auf den Klippen befestigt. Funktion? Keine Ahnung. Die erste demolierte er, in den zweiten fand er dann doch – zufälligerweise! – einen Hinweis auf ihre Funktion. Zurecht zerschlug er die erste, mag er sich im Nachhinein gedacht haben. Doch für derartige Gedanken blieb keine Zeit, denn irgendwie und irgendwann wollte er auf wieder den Boden unter seinen Füßen spüren. Das bedeutet, 120 Meter erneut hinab steigen – und lebend ankommen. Er entschlos sich zu Werkstätte am Berg, im Osten der Insel zu gehen, und zu versuchen dort auf die Anlage zu steigen, das mochte ihm einige Meter einsparen. Er packte sein Seil, band es fest und seilte sich ab. Das Seil hielt und er konnte auf die Plattform der Anlage treten, der Grund und Boden war damit in greiffbarer Nähe. Es stellte sich heraus, dass offenkundig Zaid und seine Männer derzeitig Stellung hier bezogen, das Nordlager im Auge behielten. Die Werkstätte war damit sicher und frei, er kletterte den Schacht hinab und spürte wieder Gras unter den Füßen. Er zog los, wieder gen Süden, um seinen Begleitern zu zeigen, dass er tatsächlich noch lebt. Baran war klar, dass dies womöglich die größte Herausforderung seines bisherigen Lebens war – der Kampf gegen Tiere, Bestien und Kreaturen aller Art mag schon sein Handwerk geworden sein, eine Art Routine, doch einen derartigen Auf- und Abstieg wird er so schnell nicht vergessen, auch nicht jene, die ihm dabei zusahen. Selbst für Zwerge war diese Art von Sturheit und Unnachgiebigkeit außergewöhnlich.

Baran erhält das Feat “Iron Will” für beharrliche Festhalten an einem selbstmörderischen Plan

Comments

Conhail

I'm sorry, but we no longer support this web browser. Please upgrade your browser or install Chrome or Firefox to enjoy the full functionality of this site.